
AKTE
SDM-005
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| Selbstoptimierung
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Wenn Uhren Meinungen entwickeln
Meine Uhr behauptete neulich, ich sei gestresst. Ich war zu diesem Zeitpunkt eigentlich recht entspannt. Es entwickelte sich eine seltsame Situation: Ich diskutierte mit einer Uhr über meine eigene Stimmung. Und es war keineswegs sofort klar, wer gewinnt.

Uhren mit Standpunkt
Es ist wie immer. Es fängt mal wieder harmlos an, um dann konsequent zu eskalieren.
Man kennt das.
Uhren zum Beispiel. Früher hatten Uhren eine einzige Aufgabe: Anzeigen der Uhrzeit.
Eine an sich überschaubare Angelegenheit.
Dann kamen weitere Funktionen hinzu: Datum, Wecker, Stoppuhr.
Na gut, alles nachvollziehbar.
Dann aber begann irgendwann die Digitalisierung von Allem (DvA).
Und plötzlich wollten Uhren mehr, viel mehr. Entwickler beschlossen daraufhin vermutlich, dass das “Yhprum Gesetz” (Umkehrung von Murphys Gesetz) nicht länger eine Theorie bleiben soll - und gaben der Uhr Fähigkeiten. Ich verwende an dieser Stelle jetzt bewusst nicht “Funktionen”. Dazu später mehr.
Jedenfalls, heute messen sie:
Schritte.
Puls.
Schlaf.
Sauerstoffsättigung.
Trainingsbelastung.
Kalorienverbrauch.
Herzfrequenzvariabilität.
Vermutlich aber ist das erst der Anfang. Weiteres Optimierungspotenzial steckt zum Beispiel auch in der Frage, mit welcher Geschwindigkeit man morgens nach dem ersten Kaffee wieder ansprechbar wird. Ist aber nur eine Überlegung.
Also:
Wer wissen möchte, wie viel er sich bewegt, kann das messen.
Wer seinen Puls beobachten möchte, kann das messen.
Auch Schlaftracking ist dabei … na klar. Schlaf ist schließlich wichtig. Wer abends einschläft und am nächsten Morgen auf seine Uhr sieht, stellt fest, dass er geschlafen hat.
Na, Mensch …
Allerdings birgt eine solche Funktion auch Gefahren. Am Arbeitsplatz zum Beispiel. Sie sitzen dort an Ihrem Schreibtisch, erledigen gewissenhaft die Aufgaben, die zu erledigen sind. Plötzlich aber bricht sich die Erschöpfung bahn, und Sie nicken kurz ein. Nicht lange. Nur ein klitzekleines Powernapping, kurz nach der Frühstückspause. 10 Minuten später sind sie schon wieder voll - geistig natürlich, nicht … ähm … - bei der Sache.
Dieses (eigentlich nur halbe) Powernapping ist im Grunde nicht der Rede wert. Nur, wenn aber jetzt Ihr Chef Ihre Uhr gehackt hat (“... das Böse ist immer und überall” - EAV, 1985), entstehen Ihnen möglicherweise direkt nennenswerte Nachteile. Die Uhr dokumentiert schließlich: "Schlafphase erkannt."
“Danke”, Uhr.
Wie alles anfing
Die Idee, eine Uhr zu vercomputerisieren (Verzeihung für diesen Begriff) ist alt. Älter als der Computer selbst. Entsprungen der Phantasie von Schriftstellern und Drehbuchautoren - genau wie Raumfahrt.
Die Idee, körperliche Befindlichkeiten mit so einem Handgelenk - Apparat irgendwie darstellen zu können, wurde dann auch tatsächlich umgesetzt - mit Pulsuhren. Die maßen den Puls. Obwohl - nicht wirklich, denn die Aufgabe der Pulsschlagermittlung wurde an einen Brustgurt delegiert. Seine Aufgabe war es, die Herzfrequenz festzustellen. Und das konnte er recht zuverlässig, saß er doch mit seinem entscheidenden Bauteil direkt auf dem maßgeblichen Rhythmusgeber. Und an dieser Stelle kann man das Arbeitsgeräusch des fleißigen Hohlmuskels schwer missverstehen. Die Uhr nimmt dann kurz Rücksprache mit dem Gurt und zeigt den Puls an.
Eine einfache Zahl.
Fertig.
Zahlen sind unproblematisch.
Kein Internet - keine Server - keine App.
Auf einmal gab es welche, da fehlte der Gurt, und die Uhr zeigte trotzdem den Puls an.
Naja, aber das soll jetzt nicht das Thema sein. Und bevor das hier nun in nebensächliche historische Kleinigkeiten abdriftet … zurück zum mobilen Chefüberwacher des modernen Zeitalters.
Die Smartwatch
Haben wollen, unbedingt.
Kostet?
Huch.
Egal.
Wer etwas auf sich hielt, war bereit, mittels Zweithypothek eine Anschaffung des Wunderapparates zu stemmen und präsentierte im Kollegenkreis stolz seine neueste Errungenschaft - in der Hoffnung, die anderen haben noch keine.
Was die alles kann … herrje. Ich hatte das Eingangs schon kurz angerissen.
Während die Pulsuhr noch mit einer nackten Zahl einen Messwert anzeigt, lächelt die Smartwatch das mit leichter Arroganz weg und behauptet auf dem Display:
“Sie wirken angespannt”,
oder auch:
„Ihre Erholungswerte sind suboptimal“.
Gerne aber auch mal: „Ihr emotionales Gleichgewicht könnte beeinträchtigt sein.“
Interessant, denn man hatte bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich einen ganz angenehmen Tag. Die Uhr weiß da offenbar mehr.
Wenn Daten plötzlich Meinungen entwickeln
Das eigentlich Faszinierende an diesen Geräten ist gar nicht mal, dass sie Daten sammeln. Das geht ja noch. Sie messen Schritte, Puls, Schlaf, Kalorien, Schweißausbrüche, Haarausfall, Gewichts - Jojo - alles. So weit, so gut. Sie haben aber beschlossen, die Daten zu interpretieren. Das ist ein feiner Unterschied.
Mein Schrittzähler zum Beispiel weiß, wie viele Schritte ich heute gemacht habe. Mehr nicht. Muss auch nicht.
4327 Schritte.
Ende.
Eine Zahl.
Unaufgeregt.
Meine Smartwatch dagegen gibt mir dieselbe Zahl, teilt dazu aber direkt eine kleine Spitze aus:
„Heute nur 4327 Schritte.“
“Nur”.
Ja, und?
Früher war das ein normaler Dienstag.
Heute vermittelt einem eine Uhr daraus ein leichtes Gefühl persönlichen Versagens. Und ich bin sicher, hätte sie einen Zeigefinger, sie würde ihn erheben.
Irgendwo muss irgendwann ein Entwickler beschlossen haben:
Schritte zählen reicht nicht mehr. Wir erklären dem Mann jetzt zusätzlich, wie er sich fühlt.
Herrje.
Dasselbe bei Kalorien.
Die Uhr meldet: „Tagesziel überschritten.“
HALT DICH DA RAUS, VERDAMMT…
Die Uhr weiß es besser
Rustikal interessant wird es, wenn die Uhr beginnt, die eigene Wahrnehmung zu korrigieren. Man fühlt sich eigentlich ganz gut. Die Uhr ist anderer Meinung. Sie sagt:
„Erhöhte Belastung erkannt.“
Man ist entspannt. Die Uhr sagt:
„Stressniveau auffällig.“
Man genießt gerade den freien Nachmittag, ist mit sich und der Welt zufrieden und SEHR entspannt … die Uhr blickt kurz auf ihre Sensoren und meldet:
„Sehen wir anders.“
Nun … das erzeugt eine interessante Situation. Man diskutiert plötzlich mit einer Uhr über die eigene Stimmung.
EINER UHR.
Und nicht immer gewinnt man.
Süß auch:
„Heute sollten Sie besonders auf sich achten.“
Warum?
„Unsere Analyse deutet darauf hin.“
Bitte?
Ich selbst bin seit Jahrzehnten ununterbrochen anwesend. Die Uhr seit etwa acht Monaten. Trotzdem scheint sie sich mir bemerkenswert überlegen zu fühlen.
Ein anderes Mal erklärte mir die Uhr auf dem Weg vom Schlafzimmer zum Kühlschrank warnend:
„Heute sollten Sie sich schonen.“
Dabei hielt sich die Belastung bis dahin doch in Grenzen, ich ging ja langsam. Und Bewegung ist doch gut, heißt es immer. Also: Ich hatte Bewegung, angenehme Gedanken, Vorfreude auf die Belohnung bei Erreichen des Zieles, Wetter spielte auch mit … was will die denn?
Harald schlug vor, ihr einfach den Akku wegzunehmen.
Der moderne Mensch und seine Daten
Scheinbar spielt dabei eine Frage kaum noch eine Rolle: Stimmt das eigentlich alles?
Die Uhr behauptet Vieles:
Stress, Erholung, Belastung, Wohlbefinden, Motivation, emotionale Ausgeglichenheit, etc…
Tja, woher weiß sie das?
Die Antwort lautet meistens: Gar nicht so genau. Sie schätzt, vergleicht und interpretiert. Das Ergebnis präsentiert sie anschließend mit der Überzeugungskraft eines Wetterberichts.
Das Erstaunliche daran ist aber etwas anderes. Der moderne Europäer reagiert inzwischen hochsensibel auf Datenschutz. Fragt man ihn nach der Farbe seiner Unterwäsche, wird die Unterhaltung schnell angespannt.
Gleichzeitig trägt er freiwillig ein Gerät am Handgelenk, das Folgendes dokumentiert:
seinen Puls,
seinen Schlaf,
seine Bewegungen,
seine Belastung,
seine Tagesabläufe
und gelegentlich seine emotionale Verfassung
Zu finden dann irgendwo, auf irgendwelchen Servern, bei irgendwelchen Unternehmen. Etwa nach dem Motto: "Meine Unterwäsche geht niemanden etwas an!"
"Hier sind übrigens meine Gesundheitsdaten."
Die Unterwäsche bleibt also privat, der Rest reist um die Welt.
Prioritäten sind wichtig.
Die eigentliche Leistung
Die eigentliche Leistung der Smartwatch besteht aber gar nicht mal darin, Informationen bereitzustellen. Die eigentliche Leistung besteht darin, Menschen davon zu überzeugen, dass sie ohne permanente Auswertung ihrer Körperdaten nicht mehr vernünftig existieren können.
Früher war man müde. Heute hat man einen Schlafscore von 71. Nun könnte man sagen: Schön. Dann weiß man das jetzt eben.
Nein.
Denn jetzt wacht neben einem plötzlich jemand mit einem Schlafscore von 75 auf.
Moment mal.
Wieso 75?
Wir waren doch beide im selben Bett.
Hat sie besser geschlafen?
Hat sie sich intelligenter umgedreht?
Hatte ich nachts versehentlich ineffizient geatmet?
War mein linker Arm zu ambitioniert?
Plötzlich beginnt das Nachdenken.
Man schaut nochmal auf die Uhr: 71
Sie schaut auf ihre: 75
Herrje.
Vier Punkte.
Was lief denn da falsch?
Und schon beginnt die Fehlersuche.
Vielleicht hätte ich doch früher ins Bett gehen sollen.
Oder später.
Vielleicht lag es am Kopfkissen.
Oder an der Matratze.
Oder an der Bettdecke.
Oder an der Raumtemperatur.
Oder an der Katze.
Oder am Mond.
Oder an Merkur.
Jedenfalls entsteht innerhalb weniger Sekunden Unruhe. Die Uhr registriert das selbstverständlich sofort:
"Stresslevel erhöht, Herzfrequenz leicht angestiegen, Auffälligkeit erkannt", gibt sie ad hoc zu bedenken.
Früher war man einfach nur aufgestanden und alles war gut. Außer natürlich, man war am Abend vorher selbstdisziplinarisch mehr oder weniger intensiv nachlässig und die Leber kam nicht nach.
Ausnahme.
Heute startet man den Tag zunächst mit der Analyse, warum man schlechter geschlafen haben soll als der Mensch neben einem. Und bevor der erste Kaffee überhaupt durchgelaufen ist, hat die Uhr bereits das erste Problem des Tages erfolgreich identifiziert.
Eines, das ohne sie nie entstanden wäre.
Heute wacht jemand auf, fühlt sich hervorragend und denkt:
„Moment … ich muss da gerade mal nachschauen, ob das überhaupt stimmt.“
Früher war man gestresst. Heute liegt die Belastung bei 82 Prozent.
Irgendwann werden vermutlich auch andere Gegenstände nachziehen.
Die Schuhe melden:
„Sie wirken heute unsicher.“
Der Gürtel meldet:
„Ernährungsziele verfehlt.“
Die Schnürsenkel teilen mit:
„Magen-Darm-Ereignis in Vorbereitung.“
Die Empfehlung des Toasters zu einer emotionalen Auszeit nimmt man dann noch so mit.
Der eigentliche Schwachsinn.
Und genau dort beginnt der eigentliche Schwachsinn. Nicht weil die Uhr Daten sammelt. Nicht weil die Technik beeindruckend wäre. Sondern weil die Uhr etwas schafft, was früher nur Lehrern, Eltern und Vorgesetzten gelang: Menschen davon zu überzeugen, dass ihre eigene Einschätzung weniger wert ist als die Einschätzung einer anderen Instanz.
Früher fragte man sich: „Wie fühle ich mich heute?“, horchte in sich hinein und wusste Bescheid.
Heute fragt man die Uhr. Die antwortet auch sofort. Und erstaunlich viele Menschen halten diese Antwort für verbindlich. Das ist vermutlich die beeindruckendste Fähigkeit der gesamten Smartwatch - Magie.
Nicht, dass sie den Menschen analysiert, sondern, dass der Mensch glücklich darüber ist, von seiner Uhr erfahren zu haben, wie es ihm gerade geht. Na, wenn das kein Fortschritt ist …
Harald besitzt inzwischen übrigens die Premium-Version.
Seine Uhr erklärt ihm jeden Morgen, wie seine Nacht war.
Harald hat inzwischen Angst vor dem Einschlafen.

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Schwachsinn
„Das darf nicht wahr sein“ in seinen Varianten.
Leider geil
Rational fragwürdig. Emotional schwierig.
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Externe Betroffenheit.
