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Selbstscannerkassen

Ein System, das Personal ersetzen soll und ohne Personal nicht funktioniert.

Harald wartet an einer Selbstscannerkasse auf einen Mitarbeiter, während Moty zusieht.

Ich mag grundsätzlich die Idee der Selbstscannerkasse.

Wirklich.

Weniger warten, schneller raus, keine Gespräche darüber, ob man Payback hat.
Oder die jeweilige Markt - App.
“Haben Sie die unsere App”?
“Was?”
“Unsere App”
“Nein! Kann ich dann hier nicht einkaufen?”
“Doch, natürlich …”

Herrje. 

Also: Selbstscannerkassen sind zunächst mal gut.

Man scannt seine Sachen selbst, bezahlt kurz und ist durch.

Soweit die Theorie. 

Theorie vs. Praxis

Die Praxis beginnt tatsächlich meist auch vielversprechend.

Eventuell öffnet sich später - trotz akkuraten Präsentierens des Kassenbons - die Ausgangsschranke dann nicht. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Neulich stand ich bei einer dieser Selbstscannerkassen.
Ein paar Kleinigkeiten. Brot. Getränke. Schokolade … was man so braucht. Alles in Ordnung, soweit.

Und dann kam der große gesellschaftliche Gefahrenmoment: Ritter Sport Trauben-Nuss.

Mit Alkohol.

Nicht viel. Eigentlich eher kaum.
Kein Rumfass. Keine Wodkamelone. Keine Kiste Korn.
Ein Hauch Alkohol in einer Schokolade, die hauptsächlich von Menschen gekauft wird, deren Knie beim Aufstehen inzwischen Geräusche machen.

Und da ist er dann - dieser Warnton. Diese Scannerkassen schaffen es nämlich, Alarm auszulösen wie ein Atomkraftwerk kurz vor der Kernschmelze.

"PIIIEP…"

Jeder im Laden schaut und man fühlt sich augenblicklich wie jemand, der versucht hat, einen Kleinwagen in der Jackentasche hinauszutragen.

Der Bezahlvorgang war blockiert.

„BITTE WARTEN SIE AUF EINEN MITARBEITER.“

Ja.
Wunderbare Idee.

Welchen denn?

Das Display erklärte mir streng, ein Produkt meines Einkaufs müsse überprüft werden.
ÜBERPRÜFT.
Kein Witz.

Harald stellte auch direkt Fragen:
Wieso werden Sachen erst überprüft, wenn man die kauft?
Was prüfen die denn jetzt?
Ob da in der Schokolade auch wirklich der zugesicherte Alkohol drin ist?
Und falls sich herausstellt, dass nicht … füllen die dann welchen nach?
Kann man sich dann welchen aussuchen?
Und wieso wird das nicht vorher überprüft?
Zeit genug wäre ja dafür.

Das ist der eigentliche Kern des Schwachsinns:
Die Supermärkte bauen ein System, dessen gesamter Vorteil darin besteht, keinen Mitarbeiter zu brauchen - und machen es gleichzeitig abhängig von Mitarbeitern, die nicht existieren.

Außerdem teilt der Supermarkt auf diese Weise mit:
"Wir vertrauen Ihnen so sehr, dass Sie Ihren gesamten Einkauf selbst kassieren dürfen."

Und gleichzeitig:
"Wir vertrauen Ihnen so wenig, dass wir bei einer Ritter-Sport-Schokolade sofort einen Alarm auslösen."

Das ist fast elegant dumm.

Das Erlebnis

Und dann beginnt der eigentliche Teil des modernen Einkaufserlebnisses: die Suche.
Denn natürlich ist kein Mitarbeiter da. Warum auch.

Ein gewisser Blick beginnt sich zu entwickeln - dieser typische Selbstscannerkassen-Blick.

Menschen stehen plötzlich bewegungslos zwischen Kaugummis und Aktionsware und scannen den Horizont nach einer Person im richtigen Polohemd.

Wie Schiffbrüchige.

Während hinter ihnen bereits die nächste Person wartet und langsam unruhig wird, weil auch ihre Bio-Zitronenlimonade vermutlich gleich als Hochrisikoprodukt eingestuft wird.

Also steht man da.

Man blickt nach links, nach rechts und zur normalen Kasse, an der eine Kassiererin mit der Geschwindigkeit eines industriellen Förderbands fünfzehn Menschen gleichzeitig abarbeitet und emotional längst woanders lebt.

Keine Chance.

Also wartet man weiter.

Und genau hier wird es interessant.

Diese Kassen besitzen heute:

  • Kameras,

  • Gewichtssensoren,

  • Produkterkennung,

  • mehr Rechenleistung als bei der Mondlandung zur Verfügung stand.

Sie sehen einen ganz genau, registrieren jede Bewegung.

Wenn man eine Banane falsch ablegt, reagieren sie innerhalb von Sekundenbruchteilen wie der Schiedsrichter beim Fehlstart zum 100 - Meter - Lauf. Aber gleichzeitig schafft dieses System es nicht festzustellen, dass dort offensichtlich ein erwachsener Mensch steht.

Die Maschine erkennt:

  • den Barcode,

  • die Verpackung,

  • die Gewichtsabweichung,

  • vermutlich meine aktuelle Herzfrequenz —

aber nicht, dass ich alt genug bin, um alkoholhaltige Schokolade zu kaufen.

Innovation mit Begleitpersonal

Das Faszinierende daran:
Man hat Milliarden in Digitalisierung investiert, um Menschen beim Kassieren zu ersetzen - aber der letzte entscheidende Schritt endet trotzdem damit, dass irgendwo eine gestresste Mitarbeiterin hektisch einen Freigabeknopf drücken muss.

Oft aus zehn Metern Entfernung.

Sie tut das (irgendwann), ohne hinzusehen. Sie prüft nichts. Sie bestätigt nur symbolisch, dass vermutlich kein achtjähriger Schnapsunternehmer vor der Kasse steht.

Damit wird das ganze Theater endgültig absurd. Denn offensichtlich geht es gar nicht um echte Kontrolle. Es geht um den bürokratischen Wunsch, später behaupten zu können, dass theoretisch irgendetwas überprüft wurde. Es geht um juristische Kleinkariertheit.

Das ist moderne Technik in ihrer schönsten Form:
Vollautomatisierte Zukunftssysteme, die bei Ritter Sport plötzlich menschliche Unterstützung fordern.

Verfügbarkeit?
Egal.

Irgendwann kam tatsächlich ein Mitarbeiter. Ich streckte ihm motiviert meinen Ausweis entgegen. Er nuschellte etwas wie "Nicht nötig …” und noch etwas, was klang wie 'er hätte drei Kinder' oder so … und drückte auf „Bestätigen“.

Und weg war er auch schon wieder.

Eigentlich müssten diese Mitarbeiter inzwischen die entspanntesten Menschen im ganzen Supermarkt sein. Schließlich sollten sie durch die Selbstscannerkassen ja entlastet werden.

Stattdessen verbringen sie gefühlt ihren gesamten Arbeitstag damit, hektisch von einer blockierten Kasse zur nächsten zu laufen.

  • Altersfreigabe.

  • Unbekannter Artikel.

  • Zu leichter Einkaufswagen.

  • Zu schwerer Einkaufswagen.

  • Kunde hat vermutlich falsch geatmet …

Man entwickelt dabei vermutlich eine ganz besondere Beziehung zu diesem Warnton.

Ich könnte mir vorstellen, dass nach dem dreihundertsten Freischaltvorgang des Tages auch die Begeisterung für technische Innovationen langsam nachlässt.

Egal, die Maschine war zufrieden. Das war wichtig.

Ich überprüfte kurz, ob das MHD meiner Sachen jetzt noch im Toleranzbereich lag und verließ dann glücklich den Laden.

Harald stand einmal so lange an einer blockierten Selbstscannerkasse, dass er zwischenzeitlich begonnen hatte, seine Lebensentscheidungen neu zu sortieren.

Irgendwann war dann nicht mehr klar, wer hier eigentlich auf wen wartete. Ich bewundere seine Gelassenheit.

Ich hätte an seiner Stelle längst begonnen, die Kasse zu siezen.



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Schwachsinn

„Das darf nicht wahr sein“ in seinen Varianten.

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