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Gast-001

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| Gastbeitrag

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Das Wählscheibentelefon

Harald wollte auch mal etwas schreiben – über Wählscheibentelefone. Ich lernte: Selbstverständliches ist oft nur Gewohnheit.

Harald telefoniert mit einem schwarzen Wählscheibentelefon.

Haralds Idee

Harald kam vor einigen Tagen mit einem Blatt Papier zu mir. „Ich habe auch mal was geschrieben.“
Eieiei, das hielt ich zunächst nicht für eine gute Idee. Harald schreibt normalerweise Einkaufszettel.
Oder „Milch“ auf Einkaufszettel, auf denen dann am Ende ausschließlich "Milch" steht.

Nun hielt er aber mehrere Seiten in der Hand. Da siegte dann mein Neugier.

„Worum geht's?“, fragte ich.
„Wählscheibentelefone.“

Ich sah ihn einen Moment an.
Dann das Papier.

„Meinst du das ernst?“

„Ja.“

Na gut, lass mal sehen.

Harald schreibt:

Moty hat so ein altes Wählscheibentelefon. Neulich habe ich mich gefragt, wie das Telefonieren damit früher wohl ging und mir das Gerät mal näher angesehen. 

Ich wusste zuerst gar nicht, wie man damit telefonieren soll.
Die Ziffern sind mit einer durchsichtigen Plastikscheibe überdeckt, aber bei jeder Ziffer ist ein Loch.
Klar, damit man da drauf tippen kann, logisch.

Also:
Ich tippte auf die 0,
dann auf die 1,
dann auf die 7,
dann auf die 8,
dann auf die 3 … 

einfach komplett Motys Nummer.

Dann nahm ich mit beiden Händen diesen riesigen Hörer und beugte mich über den oberen runden Lautsprecher.

Zu hören war da ununterbrochenes “Tuuuut …”.
Klang ja, als funktionierts.
Ich wartete.
Vielleicht musste das erst warm werden.
Ich wartete noch ein bisschen. 

Ich sah Motys Handy auf der Kommode liegen.
Es hätte doch jetzt klingeln müssen. Besser gesagt, diese furchtbare Fanfare abspielen, die er da eingestellt hatte. 

Da kam aber nichts.
Total still.

Vielleicht hatte ich nicht richtig getippt.
Vielleicht fester?
Also nochmal.

Bei der 8 blieb ich kurz am Rand des Lochs hängen und dabei wackelte die Scheibe. Sie gab jedenfalls etwas nach. Offensichtlich nicht richtig fest. Aber nicht durch meine Schuld, da war ich sicher. Das würde dann vielleicht auch erklären, dass das nicht richtig funktionierte.
Besser, ich sags ihm.

"Moty?"
Er saß gerade an seinem Schreibtisch und schrieb auch irgendwas …
"Ja?"
"Die Scheibe hier an dem alten Telefon ist locker."
"Nein."
"Nicht?"
"Nein, die muss so sein."
"Ach."
"Du musst sie nach rechts drehen. Bis zum Anschlag. Dann loslassen."
“Ach …”

Ich habe das gemacht.

Die Scheibe ist langsam wieder zurückgelaufen.

"Oh."

Dann habe ich verstanden, warum das Wählscheibe heißt und weiter probiert.

Finger rein, drehen, warten, zurück.
Finger rein, drehen, warten, zurück.
Finger rein …

Ich glaube, wenn man sich damals verwählt hat, hat man sich sehr geärgert. Dann mussten wohl alle Ziffern noch einmal von vorne gedreht werden. Dann habe ich Moty gefragt:

"Konnte man damit auch Nachrichten schreiben?"
"Nein."
"Gar nicht?"
"Gar nicht."
"Ach so."

Ich wüsste auch nicht, wie die hätten angezeigt werden sollen.
Einen Bildschirm hatte das Telefon ja nicht.

Dann ist mir noch etwas eingefallen.

"Woher wusste man eigentlich, wer anruft?"
"Gar nicht."
"Dann musste man erst rangehen?"
"Ja."
"Oh."

Heute weiß mein Telefon immer schon vorher, wer anruft. Oder dass es Spam ist.
Damals musste man das also selbst erstmal herausfinden. 

Ich habe mir dann die Wählscheibe noch einmal angesehen. Die musste sich ja bei jedem Anruf drehen. Irgendwann müsste sie doch eigentlich verschlissen sein. Also:

"Wie hat man dann den Techniker angerufen?"
“Wozu?”
“Wenn diese Scheibe mal verschlissen war.”
“Was …?”
“Die Scheibe … vom vielen Drehen … die war doch bestimmt irgendwann verschlissen.”
"Ähm … mit einem anderen Telefon."
"Ach."

Kurze Pause.

"Man hatte mehrere?"
"Manche Leute schon."
"Wieso?"
“Man war dann schneller dran”

"Und was, wenn keiner zuhause war?"
"Dann ging eben keiner ran."
"Wirklich?"
"Ja."
"Wie wusste man denn, dass jemand angerufen hatte?"
"Gar nicht."
"Dann konnte man ja auch gar nicht zurückrufen"
“Nnnnnein”

"Hmm..."

Ich fragte mich, wie man wohl die Nummern seiner Freunde hier einspeichern konnte. Die alle auswendig zu können, war ja wohl etwas viel verlangt. Ich hatte bei Moty aber so etwas Gewisses in der Stimme gehört, dass ich dachte, ich lasse ihn kurz in Ruhe. 

Und je länger ich mir das Telefon angesehen habe, desto lieber mochte ich es.

Es wollte nichts von mir. Kein Passwort, kein Update, keine Zustimmung für Cookies oder sonstwas.

Es stand einfach da. Wenn es klingelte, klingelte es. Wenn nicht, dann nicht.

Ich würde mein Smartphone trotzdem nicht tauschen.

Schon deshalb nicht, weil ich unterwegs keinen Kasten dieser Art mitschleppen wollte.

Ich bräuchte beide Hände, um den zu tragen. Wenn es dann klingelte, womit sollte ich dann noch diesen Hörer stemmen?
Also … nein.
Und außerdem war da ja noch dieses Kabel. Zwar gab es das in verschiedenen Längen, hatte ich gelesen, es reichte also vielleicht gerade noch mit runter bis in den Garten. Aber bis zum Supermarkt?
Eher nicht. 

Aber ich glaube, ich verstehe jetzt ein bisschen besser, warum manche Leute so eins gut fanden. 

Es war einfach ein Telefon - nicht mehr.

Aber eben auch nicht weniger.


Ich habe das Blatt langsam wieder auf den Tisch gelegt.

„Harald?“

„Ja?“

„Du hast erstaunlich viele Fragen.“

„Danke.“

„Das war kein Lob.“

„Ach.“

Seitdem steht das Wählscheibentelefon wieder auf seinem alten Platz. Harald geht gelegentlich daran vorbei, dreht einmal an der Scheibe und nickt zufrieden. Ich frage lieber nicht, warum.

Manchmal ist es gesünder, eine Antwort gar nicht erst zu kennen.


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