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SDM-007
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Rolltreppe in den Irrsinn
Der Plastikdeckel hängt jetzt fest. Mich interessiert inzwischen nicht nur der Deckel, sondern auch der Mensch, der das offenbar für eine gute Idee hielt.

Geburt einer Idee
Es gibt Dinge, die funktionierten jahrzehntelang völlig problemlos.
Eine Plastik - Wasserflasche zum Beispiel. Man kann sie öffnen und verschließen. Dafür hat sie einen Schraubverschluss. Und der erledigt seinen Aufgabenbereich seit zig Jahren zuverlässig, unauffällig und ohne größere Zwischenfälle. Und bis vor Kurzem auch völlig ohne gesellschaftliche Debatten.
Aber, irgendwo in der EU muss dann jemand morgens (oder wann es besser passt) aufgewacht sein und gedacht haben:
‘Deckel auf Trinkflaschen sind ein Problem. Einfach Aufschrauben, ausgießen, Zuschrauben?
Nein.
EU Deckel machen da nicht mehr mit.
Ich habe da eine Idee …’
Und da ist er jetzt: Dieser Moment, in dem es gefährlich wird.
Und dann wird gnadenlos durchgezogen.
Das schüchterne “Hallo, sollten wir da nicht erst mal vernünftig drüber nachdenken?”
aus der hinteren Saalecke wird leicht augenbrauenhebend überhört. Dann nimmt das Schicksal seinen Lauf …
Heute sind EU - Plastikflaschen mit Deckeln ausgestattet, die sich nach dem Öffnen nicht mehr vollständig von der Flasche lösen lassen. Sie gehen einfach nicht ab. Stattdessen hängen sie an kleinen Plastikstegen fest.
Kennt jeder.
Die Idee dahinter, sinngemäß:
Lose Deckel sollen nicht mehr in die Umwelt gelangen. Sie sollen nicht irgendwann in Meeren oder an Stränden landen und zu Mikroplastik werden. So das Wunschszenario, jedenfalls für EU Deckel.
Das Problem beginnt allerdings dort, wo Theorie und Praxis miteinander Bekanntschaft machen.
Der Benutzer als Kollateralschaden
Wer direkt aus der Flasche trinken möchte, lernt den Deckel nämlich von einer anderen Seite kennen und macht folgende schnelle wie interessante Erfahrung: Der Deckel hängt im Weg.
Trinken Früher:
Zum direkten Trinken: Deckel ab - trinken - Deckel drauf - keine Wunden - Fertig.
Trinken Heute:
Zum direkten Trinken: Deckel ab …
Ja, von wegen.
Der Deckel bleibt mit der Flasche verbunden und steht quer.
Die winzigen Plastikspitzen der gesprengten Verbindung mit dem Sicherungsring sind ebenso zielsicher wie fest entschlossen Richtung Gesicht in Stellung gegangen.
Trinken.
Die Spitzen vertikutieren die Oberhaut rund um die Oberlippe.
Deckel drauf.
Fertig.
Nun, das ist … sagen wir mal … anders.
Der Deckel existiert plötzlich als aktiver Teilnehmer am Trinkvorgang und beschert Emotionen, die man früher so nicht kannte.
Ausgießen früher:
(Wunschziel: Glas, Tasse, brennende Kerze):
Deckel ab - Flasche zum Gießen kippen - ausgießen - Deckel drauf - Fertig.
Ausgießen heute:
Deckel auf - Flasche zum Gießen kippen - Deckel folgt der Schwerkraft und rutscht am zu lockeren Ring genau in die Fließrichtung.
Und so entsteht aus einem simplen Ausgießprocedere plötzlich ein physikalisches Experiment.
Ein Teil des Wassers landet im Ziel, der Rest erkundet neue Lebensräume auf dem Küchentisch.
Deckel drauf - Fertig.
Lappen holen.
Früher war er Verschluss.
Heute ist er vielfältig.
Die große Umweltrettung
Gut, wir haben ein Umweltproblem. Bis hierhin gehe ich mit. Umweltverschmutzung existiert, Restmüll existiert, Plastikmüll existiert. Niemand muss darüber diskutieren, und lose Deckel gehören weltweit tatsächlich zu den häufig gefundenen Kunststoffabfällen an Küsten und Stränden. Es gibt Bilder von Flüssen (asiatischen allerdings), bei denen man den Fluss vor lauter Plastik kaum noch erkennt. Allerdings sind da auch noch ein paar andere Sachen dabei, das sei der Form halber hier noch mitgegeben. Und ja, es gibt auch Küstenabschnitte, die aussehen, als wäre dort ein Baumarkt explodiert.
Nur, selbst wenn das Problem existiert … warum endet die Lösung ausgerechnet bei mir im Gesicht?
Einwegkunststoffkennzeichnungsverordnung (EWKKennzV)
Manchmal beantwortet ein einziges Wort bereits alle Fragen.
Harald taumelt.
Also, irgendwo auf der Welt schwimmen Plastikmengen auf Flüssen, die man auf Satellitenbildern erkennt, und hier diskutieren wir darüber, ob ein Deckel die Flasche verlassen darf. Man gewinnt hierzulande inzwischen den Eindruck, als sei der durchschnittliche Flaschendeckelbesitzer in Europa zum Hauptverdächtigen der globalen Umweltkrise erklärt worden.
Nur, was genau ist sein Beitrag?
Normalerweise passiert ja folgendes:
Flasche kaufen, trinken, Pfandautomat, Feierabend!
Da fragt man sich doch, wie wohl die gedankliche Reise europäischer Parlamentarier von Fluß- und Ozeanverschmutzung zum festgebundenen europäischen Flaschendeckel verlaufen ist.
Ich habe versucht, mir das Szenario vorzustellen:
Ein Flaschendeckel fällt in Meschede auf die Straße.
Offenbar beginnt nun eine dramatische Reise.
Der Deckel rollt.
Er rollt weiter.
Noch weiter.
Anschließend erreicht er vermutlich einen Gully.
Kurzes Durchschnaufen.
Weiter geht’s in einen Bach, dann in einen Fluss, dann ins Meer, dann endlich an einen Strand.
Und während seiner abenteuerlichen Reise streut er wohl überall Mikroplastik. Vielleicht, um den Weg zu markieren. Wie bei Hänsel und Gretel - nur auf modern.
Ich weiß es aber nicht genau.
Ich schaute kurz nach, ob die Mosel in den Indischen Ozean mündet.
Mikroplastik - DER trendy Reizbegriff dieser Zeit.
Einer jener Begriffe, die inzwischen sofort funktionieren.
Ähnlich wie: Nachhaltigkeit, Transformation oder Resilienz.
Niemand weiß genau warum, aber alle nicken.
Das möglicherweise existierende Problem
Menschen hinterlassen Müll - überall.
Nun, es ist halt nicht jeder gut erzogen - muss man so hinnehmen.
Man kann Vermüllen unter Strafe stellen.
Sicher, passiert ja auch.
Und was passiert dann?
Menschen hinterlassen trotzdem Müll.
Och …
Nun - ein ist Deckel ein Deckel.
Der liegt da, stört, muss weg.
Alles klar.
Könnte man aufheben.
Mit der Hand, Klappspaten, Bagger, Radlader … wie auch immer.
Umweltverschmutzung als solches ist ja auch unbestritten.
Das ist aber nicht des Pudels Kern.
Denn: Mikroplastik gehört zu jenen Themen, bei denen erstaunlich viele Menschen erstaunlich sicher auftreten, obwohl … erstaunlich viele Fragen noch in der Diskussion sind.
Bemerkenswert finde ich dabei weniger die Diskussion selbst.
Eher bemerkenswert finde ich die Geschwindigkeit, mit der aus:
"Wir wissen es noch nicht genau."
plötzlich:
"Wir wissen es ganz genau." wird.
Und irgendwann steht eine Meeresschildkröte vor den Trümmern ihrer Existenz.
Lösung: Binden wir den Deckel fest.
Ähm … ich lasse das mal einen Moment so stehen.
Die Wissenschaft
Fragen sind normalerweise kein schlechtes Zeichen. Sie waren ursprünglich sogar einmal die Grundlage von Wissenschaft. Es gibt offensichtlich aber eine verblüffende menschliche Eigenschaft:
Sobald ein eventuell möglicher Schaden identifiziert wird, sind - stante pede - zahlreiche “Experten” mit Helfersyndrom zur Stelle. Aus dem Nichts quasi. Und sie verhalten sich so, als sei der Schaden bereits zweifelsfrei bewiesen.
Das spart zwar Zeit, wissenschaftlich ist es aber tendenziell etwas ambitioniert.
Auch interessant ist die Dynamik, mit der aus einem:
"Es könnte möglicherweise ein Problem geben.",
ein:
"Wir müssen sofort handeln.",
und kurz darauf ein:
"Jeder, der Fragen stellt, scheint wohl das Problem nicht zu verstehen." wird.
Die Rolltreppe in den Irrsinn
Mich fasziniert bei der ganzen Nummer weniger die “Deckel wird zu Mikroplastik - Idee” selbst.
Menschen haben ständig merkwürdige Ideen.
Mich fasziniert tatsächlich eher die Anzahl der Menschen, die diese Idee durchgewunken hat.
Da wurden:
Sitzungen abgehalten.
Präsentationen erstellt.
Dokumente verfasst.
Arbeitsgruppen gebildet.
Entscheidungen getroffen.
Und irgendwann stand dann wohl jemand auf und sagte:
"Heureka! Das wird das Leben der Menschen verbessern."
Ja, genau.
Zack, Aus, vorbei.
Und so wird aus einem harmlosen Flaschendeckel, der nun wirklich in bester Absicht sein Ding macht, gleichzeitig Täter und Opfer.
Täter, weil er plötzlich vermeintlicher Umweltverschmutzer ist. Dabei kann er ja gar nichts dafür, wenn hier und da vereinzelte Flaschenbesitzer - nach Leeren der Flasche - nicht in der Lage sind (intellektuell?, handwerklich?, kognitiv?, boshaft? - keine Ahnung) dem Deckel wieder den ursprünglichen Halt zu geben.
Opfer, weil er quasi mit seiner Flasche zwangsverheiratet wurde, er also gar keine Freiräume mehr hat. Eine gesetzlich angeordnete Dauerverbindung, sozusagen, bis er dann - zusammen mit seiner Flasche - also gemeinsam, den Pfandautomaten bei EDEKA kennenlernen kann.
Trost: Das dabei entstehende Geräusch bekommt er schon nicht mehr mit.
Die Verhältnismäßigkeitsfrage
Sehr spannend nun die Verhältnismäßigkeit.
Die Frage lautet nämlich nicht: Hat die Maßnahme irgendeinen Effekt?
Nehmen wir mutig an, sie hat einen.
Die dann aber viel spannendere Frage lautet: Wie groß ist dieser Effekt eigentlich?
Und wie groß ist im Verhältnis der Nerv - Faktor?
Denn aktuell sieht die Bilanz ungefähr so aus:
Auf der einen Seite steht die theoretische minimale Verringerung eines möglicherweise zukünftigen Umweltproblems.
Auf der anderen Seite stehen hunderte Millionen Menschen, die sich täglich mit einem Plastikdeckel Gesichtsbereiche rasieren.
Direkt - praktisch - sofort.
Das ist auf jeden Fall eine interessante Gewichtung.
Fazit
Ich möchte ausdrücklich niemandem Unrecht tun.
Vielleicht existieren umfangreiche Berechnungen.
Vielleicht liegen überzeugende Daten vor.
Vielleicht wurde jahrelang geforscht.
Vielleicht gibt es irgendwo einen Ordner mit dreihundert Seiten über das Wanderverhalten freilebender Flaschendeckel.
Weiß ich nicht, kenne ich nicht.
Was ich allerdings kenne, ist mein Gesicht.
Und das wird inzwischen regelmäßig von einem Stück Plastik attackiert, das früher einfach nur ein kooperativer Deckel war. Job machen - kurz komplett aus dem Weg gehen - Job machen.
Quintessenz:
Irgendwo hatte jemand ein scheinbares Problem identifiziert. Die Ausgangsfrage lautete offenbar:
”Wie retten wir die Welt vor einem möglicherweise existierenden Problem?"
Die Antwort lautete:
"Mit Plastik im Gesicht von knapp 500 Mio Europäern - inkl. Meschede."
Herrje.
Und deshalb habe ich das Gefühl, ich stehe auf einer Rolltreppe in den Irrsinn.
Harald:
“Was ist denn mit den losen Deckeln der anderen 7,5 Milliarden Menschen?”
Ähm …

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