
AKTE
LG-003
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Japanische Kochmesser
Ein neues Messer sollte her. Für die Küche. Dass es da Unterschiede gibt, wusste ich. Dass man dabei in ein Paralleluniversum gerät, wusste ich nicht.

Die Feier des Tages
Heute machen wir mal ein richtig schönes Abendessen, dachte ich.
Nichts Alltägliches, sondern etwas Besonderes - so richtig schön. Mit allem Drum und Dran. Zur Feier des Tages sozusagen. Kennen Sie das?
Und sofort entsteht so eine innere Vorfreude auf den kommenden Abend.
Wie vor dem ersten Urlaubstag, dem geplanten Kinobesuch zum neuesten Blockbuster, die erste Fahrt mit dem neuen Auto (oder Fahrrad, um selbstverständlich zeitgemäß zu bleiben), das erste Date … sowas alles.
Und während ich so überlegte, was denn wohl der Anlass zum Feiern sein könnte, fiel mir ein Spruch aus der Werbung ein: "Qualität genießen".
Ansatzlos.
Keine Ahnung aus welcher Werbung das war, aber die Aussage an sich gefiel mir. Nicht nur weil Genießen vielversprechend klingt, sondern weil es auch impliziert, dass man sich mit ausreichend Qualität wohl auch jede Menge Ärger ersparen könne.
Eine Theorie, die sich im weiteren Verlauf dieser Geschichte als überraschend teuer herausstellen sollte.
Jedenfalls, dieser Spruch war mir in Erinnerung geblieben. Er hat ja auch was Reizvolles und passte jetzt gerade wunderbar zu meinem Vorhaben. Also ja, genau das sollte heute passieren. Heute werde ich Qualität genießen.
Nun hat der Liebe Gott vor den Lohn bekanntlich den Schweiß gestellt, was bedeutet, meine “Kochkunst” musste vor dem “Genießen” erst einmal stattfinden. Und dazu standen ziemlich umfangreiche Vorbereitungen an.
Eine Zutatenliste wäre wohl gut, damit ich nicht feststelle, dass die Hälfte der Zutaten fehlt, wenn die Läden schon zu sind. Die Gründe für diese Gedanken: Erfahrung
Ich griff zum Notizzettel und schrieb los. Notizzettel sind klein, wirklich klein - zu klein. Meine Zutaten hatten aber raumfüllenden Anspruch. Naja, am Ende stellte ich fest, dass man auch ein A4 Blatt klein kriegt, wenn man es oft genug faltet. Dann wird es klein, aber dick. Und so entsteht ein überraschendes Problem für die Hemdtasche. Mir entgegenkommende Passanten könnten glauben, ich wolle das Geschlecht wechseln und hätte mit der obenrum linksseitigen Ausbuchtung schon mal angefangen. Nun ja, ich marschierte los. Meine Prioritäten waren gesetzt.
Nachdem der Einkauf erledigt war (die Gaffer auf dem Weg waren überschaubar geblieben), begann der erste Abschnitt eines langen Weges: Waschen und Putzen. Nicht die Küche, sondern:
Kartoffeln, Gemüse, Pilze … sowas alles. Meinen Einkauf halt.
Bis hierhin klappte alles auch ganz gut.
Dann: Schälen, Scheiden, Stückeln usw. bei Fleisch, Zwiebeln, Gurke, Zitrone, Orange, Baguette … etc.
Und da kommt er dann, der Moment, wenn einem auffällt, dass die zur technischen Verarbeitung zur Verfügung stehenden Werkzeuge im Bestand - kurz: Messer in der Schublade,
1. nicht zweckmäßig waren, daher
2. den Job nicht schafften, und deshalb
3. das Ergebnis nach getaner Arbeit … sagen wir mal … vom erwarteten Bild leicht abweicht.
Um das abzukürzen:
Ein Abendessen gab es - Ja.
Es war warm - Ja.
Waren alle Zutaten enthalten wie auf dem Foto? - Ja.
Sah es aus wie auf dem Foto? - Ähm …
Dieses Essen hatte auf jeden Fall den Status: Erinnerungswürdig.
“Weißt du noch, das Essen damals …?”
“HÖR BLOSS AUF.”
Harald war leicht betreten.
Stille.
Und dann war der Entschluss auch schon da: Ein neues Messer musste her.
Ein richtig gutes. Ein Top - Messer sozusagen.
Genau: Klasse Messer - Klasse Essen.
Manchmal lernt man Dinge spät.
Ich setzte mich also zunächst zu Hause an den Rechner.
Ein gutes Messer …
Das konnte ja eigentlich keine Raketenwissenschaft sein, dachte ich.
Nun gibt es erstaunlich viele Messer.
Brotmesser,
Käsemesser,
Fleischmesser,
Gemüsemesser,
Filetiermesser,
Schälmesser …
Die Messer verraten auch bereits im Namen, wofür sie gedacht sind. Das Brotmesser schneidet Brot, das Käsemesser Käse, das Fleischmesser Fleisch, das Gemüsemesser Gemüse - ein ebenso einfaches wie logisches System.
Ich stieß auf “Kochmesser” und stutzte. Hier ergibt sich hoffentlich ein Missverständnis. Da habe ich sicherheitshalber nachgesehen.
Nein, der Koch bleibt unverletzt.
Offenbar heißt das Kochmesser deshalb so, weil der Koch damit alles schneidet. Das ist deutlich harmloser als meine erste Vermutung.
Gut, dann eben ein Kochmesser.
Eines, das alles kann.
Mit dieser gefestigten Überzeugung machte ich mich dann auf den Weg zu einem Fachgeschäft.
Das wird wohl ein kleines Loch in die Kasse reißen, dachte ich so unterwegs. Die Preise, die ich da bei meiner kurzen Recherche gesehen hatte, hatten mir fast das Blut in den Adern gefrieren lasse. Da gab es eins für 257,- Euro. Puuhh … mein jetziges Messer hatte 6 €uro gekostet. Da gibt es doch sicher auch einen Mittelweg, dachte ich so.
Die Erinnerung an das gestrige Erlebnis befeuerte aber meine Entschlusskraft und damit auch die Bereitschaft, mich das Werkzeug für zukünftige Kochsessions etwas mehr kosten zu lassen. Scheinbar färbte diese Entschlusskraft meine Aura entsprechend - Harald ging neben mir her wie ein Türsteher auf dem Weg zum Sparring.
Jedenfalls sollte sich die Katastrophe von gestern definitiv nicht wiederholen, soviel stand fest. Man stelle sich vor, ich hätte Gäste gehabt - herrje.
Das Fachgeschäft
Ich kannte das Geschäft - vom Vorbeigehen. Der Euro - Shop, die Quelle meiner bisherigen Messer und anderer Utensilien, wie Notizblöcke zum Beispiel, lag nämlich eine Straße weiter. Ich hatte mir aber nie Gedanken über dieses Geschäft hier gemacht. Man könnte sogar sagen: ich hatte es nie wirklich zur Kenntnis genommen.
Jetzt aber, war es an diesem Morgen plötzlich das Ziel meiner Reise. Ich möchte es jetzt nicht gerade zum ‘Nabel der Welt’ erheben, aber: es war für mich ein wichtiges Ziel.
Und plötzlich stand ich vor dessen Tür. Zum allerersten Mal. Es sah recht schick aus, mit großer Auslage in den beiden Schaufenstern. Irgendwie angenehm, ansprechend.
Kennen Sie den Moment, wenn man kurz vor einem ganz entscheidenden Ereignis steht?
Etwas Außergewöhnliches, Aufregendes, bisher Unbekanntes wird gleich passieren?
Ein Bungee - Sprung zum Beispiel, oder - in der Schule - der Sprung vom 10er.
Man muss diesen einen Schritt über die Klippe machen.
Aber man muss das Ereignis selbst auslösen. Der Puls steigt rapide.
Kennen Sie das?
Ich holte tief Luft, meine Hand ging zum Türgriff - festen Willens, eisern.
Es gab keinen Weg mehr zurück …
Der Herr der Messer
Der Laden war angenehm ruhig.
Viel Holz, viel Licht, Vitrinen, Messer. Viele Messer. Sehr viele Messer. Mehr Messer, als ich bis dahin für überhaupt denkbar gehalten hatte.
Alles wunderschön beleuchtet, als wären es Juwelen.
Irgendwo im Raum standen (ja, standen) - ganz leise und subtil - solche sphärischen Klänge in der Luft. Ich hatte das Gefühl, man dürfte hier drin nur ganz gedämpft sprechen. Man wird unweigerlich ganz bedächtig.
In allem.
Einen Altar konnte ich aber nicht entdecken.
Harald hatte dieses Empfinden wohl auch. Ein kurzer Blick runter bestätigte das.
Hinter einem Tresen stand ein Mann. Ruhig, freundlich, und mit jener Gelassenheit, die vermutlich nur Menschen entwickeln, die beruflich täglich Messer für vierstellige Beträge verkaufen.
Er erweckte den Eindruck, als könne er eine Tomate allein durch intensiven Blickkontakt in exakte Würfel schneiden.
Ich war der einzige Kunde - fast möchte ich sagen: Gast.
“Guten Tag”, hörte ich ihn sagen, “kann ich ihnen helfen?“
Sein Blick war noch freundlicher geworden. Was hatte er vor?
“Guten Tag, entgegnete ich, mühsam den Diener unterdrückend, zu dem ich schon fast angesetzt hatte.
“Ich suche ein ordentliches Kochmesser”
“Natürlich”
"Was würden Sie denn empfehlen?"
"Kommt drauf an."
"Worauf?"
"Budget."
"Mmmh ... so … hundert Euro?"
"Ja."
"..."
"..."
"Zum Schälen?"
"Ähm, nein. Eines, das alles kann”
"Ach so, natürlich.”
Ich merkte etwas am Knie. Harald stupste mich an.
Ja, ich hatte es auch gesehen, der Verkäufer sah für den Bruchteil einer Sekunde etwas irritiert aus.
Aber ich ahnte, dass seine Kompetenz mich schon in den nächsten Sekunden an meine Grenzen führen würde.
“Dann hätte ich da etwas Schönes - wenn Sie gelegentlich kochen..."
"89 Euro."
"Hmm."
Das klang fast vernünftig. Lag ja auch in der Range, die ich gedanklich schon abgeritten war.
"Das hier wäre schon deutlich besser."
"189 Euro."
"Aha."
Das Nachzuvollziehen machte mir etwas Mühe.
"Wenn Sie etwas fürs Leben möchten..."
"420 Euro."
"Interessant."
"Und hier..."
"980 Euro."
"..."
Ich nickte langsam.
Nicht aus Zustimmung.
Mein Gehirn brauchte einfach etwas Zeit.
"Und falls Sie den Schmied persönlich kennenlernen möchten ..."
"2.300 Euro."
"Moment mal."
“Ja?”
Und dann stellte ich die Frage. Die einzige Frage, die mir einfiel, um Reste meiner Würde bewahren zu können.
"Was macht das Messer denn besser?"
Der Verkäufer lächelte weiterhin freundlich.
Täuschte ich mich oder hatte sich da ein Hauch von Mitleid mit in dieses Lächeln geschoben?
"Nun, das kommt darauf an, worauf Sie Wert legen."
"Aha."
"Dieses Modell wird vollständig von Hand geschmiedet."
"..."
"Der Schmied fertigt nur wenige Stücke pro Monat."
"Hmm."
"Der Stahl besteht aus mehreren Lagen."
"Wie viele?"
"Je nach Ausführung, über zweihundert."
"Warum?"
"Das verbessert die Schneideigenschaften."
"Um wie viel?"
Der Mann nickte langsam.
Ich glaube, damit hatte ich ihn ein wenig beeindruckt.
"Das kann man so nicht sagen. Dieses Messer besitzt eine außergewöhnlich feine Schneidgeometrie."
"Das klingt ja gut …"
"Es gleitet praktisch widerstandslos durch Tomaten."
"Meine Tomaten leisten normalerweise auch keinen Widerstand."
“Und der Stahl entwickelt mit der Zeit eine wunderschöne Patina."
"Ach."
"Ja, viele Besitzer freuen sich richtig darauf."
"Nun ja, das ist sicher optisch sehr ansprechend. Mein jetziges Messer entwickelt hauptsächlich Rost."
"Ah... interessant. Sie arbeiten also bereits mit einem nicht rostfreien Carbonstahl?"
“Ich … ähm … ja, gewissermaßen. Ich hätte aber auch nichts gegen einen Stahl, der nicht rostet. Wie meine Spüle. Sieht einfach sauberer aus.”
“... “
"Spüren Sie einmal die Balance."
Ich nahm das Messer in die Hand.
"Hm."
"Und?"
"Es ist ... mittig."
“Oder das hier. Es besitzt einen Kern aus Aogami Super."
"..."
"Blaupapierstahl ..."
"..."
Ich nickte.
"Sie wissen?"
"Nein, aber ich wollte die Stimmung nicht kaputt machen. Warum heißt der Blaupapierstahl?"
"Früher wurde er in blauem Papier geliefert."
“Ach - das ist jetzt aber hoffentlich nicht der Grund für den Preis."
"Dieses Messer schneidet praktisch von selbst."
"Dann brauche ich es ja gar nicht mehr festzuhalten?"
Der Verkäufer sah mich einen Moment direkt an.
Dachte er nach?
Über mich?
Rückzug
Irgendwie hatte ich den Überblick verloren.
Der Verkäufer sprach über Härtegrade, Schneidlagen und Schleifwinkel - ich war innerlich noch bei Kartoffeln.
Harald sah auch nicht mehr so aus, als könnte man ihm Fragen stellen.
Ich brauchte einen Ortswechsel.
Dringend.
Erstmal wieder klarkommen.
Aogami
Damast
Schneidgeometrie
Patina
Schleifwinkel …
Du liebe Güte …
Ich bedankte mich bei dem Mann, versprach eine zeitnahe Entscheidung zu treffen und verließ zügig das Geschäft. Erstmal 50 Meter Abstand schaffen. Dann blieb ich stehen und holte tief Luft.
Eigentlich hatte ich ein Messer kaufen wollen. Inzwischen wusste ich nicht einmal mehr, ob meine Kartoffeln dafür überhaupt hochwertig genug waren.
Zuhause angekommen stellte ich zunächst den Wasserkocher an. Nicht weil ich Tee wollte. Sondern weil mir erst einmal eine mir irgendeine vertraute Alltagshandlung sinnvoll erschien. Ich ließ diese Vertrautheit eine Zeitlang auf mich wirken und fasste langsam wieder Fuß. Dann setzte ich mich an den Tisch und klappte meinen Laptop auf.
Ich wollte in den einschlägigen Foren nachlesen, was andere Hobbyköche denn so für Messer nutzen. Einfach auch nachdenken können, ohne dass mich einer mit pekuniärer Erwartungshaltung nicht aus den Augen lässt - und ich meine nicht Harald.
Ich beschloss, mich zunächst etwas mit Messerarten vertraut zu machen. Das schien mir vernünftig. Wenige Minuten später hatte ich dann Bekanntschaft gemacht mit:
Deba-Messer.
Nakiri.
Santoku.
Sashimi-Messer.
Officemesser.
Tourniermesser.
Wiegemesser.
Chinesischem Kochmesser.
Damastmesser.
Carbonstahlmesser.
Keramikmesser.
Linkshändermesser.
Handgeschmiedeten Messern.
...
Einsteigermesser.
Mein Blick blieb kurz hängen.
Was macht man damit?
Einsteigen?
Beim Wiegemesser war ich schon wieder unsicher. Ich wollte die Sache aber nicht weiter vertiefen, hielt das auch für Quatsch. Zum Wiegen hatte ich was anderes. Mit Batterie. Man kann alles übertreiben.
Ich musste mich wohl zunächst noch ein wenig mehr einlesen. Schließlich wollte ich beim Wiederbesuch vorbereitet sein.
Ein Abschnitt innerhalb der Messer - Spezialseiten, irritierte mich:
"... Als Grundausstattung empfehlen wir Messer im westlichen Stil.
Messer im japanischen Stil kommen eher für professionelle Anwender in Frage.
Unsere japanischen Messer im westlichen Stil haben ..."
Ich brauchte einen Moment. Offenbar gibt es:
westliche Messer,
japanische Messer,
Messer im westlichen Stil,
Messer im japanischen Stil,
und japanische Messer im westlichen Stil.
Ich war versucht zu fragen, ob es auch westliche Messer im japanischen Stil gäbe.
Nun gut, hatte ich bislang angenommen, "japanisch" beschreibe die Herkunft, beschreibt es offenbar gelegentlich auch den Stil. Und manchmal beides. Und manchmal keines von beidem. Dieser Logik zu folgen verlangte vor allem eines: innere Ruhe. Ich ignorierte diesen Bereich deshalb im weiteren Verlauf.
Jedenfalls … in den nächsten paar Minuten begegneten mir Begriffe wie:
Aogami, Shirogami, Gingami, SG2, VG10, Damast, San-Mai, Honyaki, Kasumi, Kurouchi, Nashiji, Tsuchime, Migaki, Honbazuke, Hamaguri-Schliff, Sashimi, Yanagiba, Usuba, Katsuramuki, Wa-Griff, Yo-Griff, Klingenrücken, Kehl, Ago, Erl, Zwinge, Rockwell, HRC, Primärfase, Sekundärfase, Schneidfase, Wassersteine, Lederriemen, niedrig legierte Kohlenstoffstähle, Ausdünnen, Entgraten, Grat, Zellwände.
Aha.
Ich hielt das bisher für reine Mythologie. Harald schien zur Salzsäule erstarrt.
Zellwände.
Ich wollte ursprünglich nur ein Messer kaufen. Inzwischen war ich mir nicht einmal mehr sicher, ob ich versehentlich ein Maschinenbaustudium begonnen hatte.
Lavendel
Ich hatte das Gefühl, ich könnte einen Ratgeber schreiben.
Titel: "Burnout in 2 Tagen - Ein Leitfaden".
Nach kurzer mentaler Regeneration mittels eines Lavendel - Kräutertees, hielt ich es für gut, Menschen mit praktischen Tipps und hilfreichen Anwendungsbeispielen zu suchen. Normale Menschen. Das würde auf jeden Fall hilfreich sein - dachte ich.
Die Erinnerung an meinen letzten Messerkauf flackerte plötzlich in mir auf - ganz ohne Menschen.
Euroshop - Messerregal - das Mittlere - 6 Euro - Tschüss.
Das war irgendwie anders.
Na gut, das Ergebnis meines Essens “zur Feier des Tages” blitze auch auf.
Also, wo würde ich die geballte Messerkompetenz wohl finden?
In Messerforen natürlich.
Rückblickend betrachtet war das vermutlich der Moment, in dessen Folge mein mentales Gefüge endgültig nachgab.
Ich wußte ja schon … es gibt Messerarten, Messerformen, Härtegrade, dies, das, Zellwände, und so weiter - hielt mich also doch schon für etwas belesen. Aber dann …
Schärf-Typ
Das Thema in dem Messerforum behandelte gerade die Frage:
Was, wenn mein Messer irgendwann an Schärfe verliert?
Mit anderen Worten: Mein Messer ist stumpf - Hilfe, Hilfe.
Hier gab es Antworten.
Wobei - und das fiel mir schnell auf - da ist fast nie von “Messern” die Rede, sondern da wird mit Bezeichnungen und Namen hantiert, bei denen ich schon gar nicht mehr wußte, ob das Messer, Schliffe, Stähle oder japanische Kleinstädte sind.
Tatsächlich gab es aber auch Fragen wie diese hier:
"Mein Messer wird nicht scharf, trotz Schleifen. Was mache ich falsch?"
Das klang wie eine Frage an Dr. Sommer aus der Bravo (die Älteren werden sich erinnern).
"Das Schleifen", war meine spontane Vermutung, aber ich wollte mich da lieber nicht einmischen.
Die Antworten waren dann auch ausgesprochen freundlich, leider auch ausgesprochen ausführlich. Die erste Antwort begann ungefähr so: „Das hängt davon ab, welcher Schärf-Typ du sein willst..."
Ich stockte.
“Schärf - Typ”.
Wirklich.
Ich las das nochmal.
Der Mann wollte sein Messer schärfen, sollte aber zunächst entscheiden, welcher Schärf-Typ er künftig sein möchte. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass man offenbar ein “Schärf - Typ” werden muss. Aber ich wusste ja so einiges nicht.
Dann las ich Sätze wie:
„...aber die Bereitschaft besitzt, sich zumindest die theoretischen Grundsätze des Schärfens anzueignen..."
Ja, ich hatte es schon befürchtet: Es gab theoretische Grundsätze.
Also, bisher hatte Harald das Schleifen immer übernommen. Einfach immer durch den Schlitz bei dem Ding mit den beiden Rollen gezogen. Wohl völlig ohne Grundsätze, wie mir jetzt aufging.
Ich würde bei Gelegenheit mit ihm reden müssen.
Es folgten Sachen wie kontrollierter Druck, Grat erzeugen, Grat entfernen, Schleifwinkel, Banksteine, Schärfsysteme, Mikrofasen, Spiegelglatte Fasen …
Herrje … ein Messer wird doch irgendwann einfach nur stumpf. Dann schärft man es - fertig.
Nein.
Inzwischen wusste ich, man muss sich offenbar zunächst für einen der verschiedenen Lebenswege des Schärfens entscheiden.
Ich las weiter.
Ein Nutzer erklärte zunächst die Entwicklung der vergangenen fünfzehn Jahre. Früher, so lernte ich, habe man noch mit Wetzstählen gearbeitet. Dann kamen besonders harte japanische Messer. Es folgten Grabenkämpfe zwischen Anhängern von Banksteinen, Schärfsystemen und … Mousepads.
Ja. Mousepads. Ehrlich!
Bis dahin war ich davon ausgegangen, dass deren Hauptaufgabe darin bestand, Mäusen bei der Arbeit festen Halt zu geben. Offenbar hatte ich auch hier Wissenslücken.
Weiter ging es.
Freihändiges Schleifen auf Banksteinen werde heute von manchen aus Nostalgie oder sogar zur Meditation betrieben, wurde dort festgestellt.
Schleifen zur Meditation.
Freihändig - klar.
Man lernt nie aus.
Ich hatte keine weiteren Fragen an der Stelle.
Dann tauchten Namen auf. Lansky, Edge Pro, Bogdan, Nowi, Katocut.
Das klang weniger nach Messerschärfen als vielmehr nach der Teilnehmerliste eines internationalen Gipfeltreffens.
Eisern durchhaltend, stieß ich schließlich auf folgende Frage:
„...was machst Du, wenn's unbedingt der schicke Japaner mit Damastlaminat oder Eisenflanke sein soll, weil das schnöde K5 halt eher bieder daherkommt?"
Ich lehnte mich langsam zurück.
Hatte ich bis dahin geglaubt, Messer seien entweder scharf oder stumpf, stellte sich nun heraus, dass sie zusätzlich auch noch bieder sein konnten.
Atmen.
Langsam.
Vielleicht würde jetzt endlich wieder etwas Bodenständiges kommen.
Ja, tat es auch.
So schien es jedenfalls anfangs.
Ein Nutzer erzählte von einem befreundeten Ehepaar. Beide hatten sich irgendwann 2 hochwertige Messer gekauft. Von Nesmuk. Mehrere tausend Euro. Naja, für 2 Stück schließlich. Mit der Garantie, sie lebenslang zum Schärfen einschicken zu können.
Ich nickte langsam vor mich hin. Das überraschte mich inzwischen kaum noch. Überrascht hingegen war allerdings der Forennutzer. Nicht etwa über den Preis - warum auch - sondern über die Auswahl.
Für das Geld, schrieb er, hätte man sich mehrere handgefertigte “Custom-Messer” bauen lassen können.
"Custom - Messer"!
Ich machte mir noch einen Lavendel Tee.
Bei seinem Besuch, ein paar Wochen später - so erzählte er weiter - habe er sich dann das Kochmesser zeigen lassen und einen Rasurtest am eigenen Oberarm gemacht. Es sei "stumpf wie Hulle" gewesen.
Ich habe "Hulle" daraufhin nachgeschlagen.
In mir entstand spontan die Szenerie, wie ich zu Hans und Henna (ein befreundetes Ehepaar) gehe, denen sage, zeigt mal euer Messer, und mir damit anschließend den Oberarm abschabe.
"Hier, bitte, das ist stumpf wie Hulle"
"…"
Ich entschied mich an dieser Stelle bewusst, der Sache nicht weiter nachzugehen.
Noch vor wenigen Stunden hätte ich geglaubt, mehrere tausend Euro seien das Ende jeder Messerdiskussion. Nicht so im Im Messerforum.
Nesmuk
Ich las weiter - wie gestört.
Die Story mit den Messern des Ehepaars hatte Neugier geweckt - trotz meiner eigenen visuellen Variante davon. Nesmuk Messer schienen kein Schnäppchen zu sein. Einen Klick weiter, und ich war hier:
Das Nesmuk EXKLUSIV C90 Brotmesser.
Ein Brotmesser.
Gut.
Das schneidet Brot.
Logisch.
2.800 Euro.
Ich schaue mir das Bild an.
Das Messer sieht gut aus.
Nicht protzig, nicht vergoldet, nur … gut.
Und das scheint es auch zu wissen.
Es liegt einfach da - ganz ruhig, als würde es sagen:
Hier bin ich - zuständig für Brot.
Ich schaue auf das Preisschild - Harald schaut auf das Brot.
Keiner sagt was.
Lange.
Dann fragt Harald ganz leise: "Schneidet das auch Brötchen?"
"Ich weiß es nicht", hörte ich mich sagen.

Endgegner
Das Problem an hochwertigen Messern besteht nicht wirklich im Preis. Das Problem besteht darin, dass sie aussehen, als hätten sie jedes Recht dazu.
Nun, ich wollte ja ein Kochmesser. Damit schied das Brotmesser hier aus. Erleichterung überkam mich. Obwohl … es sah ja schon verdammt gut aus, das kann man nicht anders sagen. Die Art der Erleichterung war auch eher die, die man zwar kurz fühlt, wo man aber genau weiß: Das dicke Ende kommt noch. Man weiß nicht wann, man weiß nur: DAS.
Mit diesem Urwissen im Hinterkopf, hätte ich nun besser spazieren gehen, das Badezimmer streichen oder den Keller aufräumen sollen. Stattdessen ging mein Blick wieder zum Bildschirm. Ein innerer Zwang.
Da stand: “Kochmesser”.
Klein, unscheinbar, viel Raum mit “Nichts” drumrum …
Es war ein Link.
Welcher Teufel mich dann ritt weiß ich nicht mehr.
Ich sah den Mauszeiger sich auf den Weg machen.
Zu diesem Wort.
“Kochmesser”.
Langsam, aber gleichmäßig. Ehrfürchtig fast - so mein Eindruck.
Dort angekommen, verharrte er einen Moment.
Ein Kribbeln im rechten Zeigefinger kündigte an: da kommt gleich was.
Nahezu hilflos sah ich zu ihm hin.
Tu es nicht, dachte ich so.
Bitte.
Grinste er mich etwa an?
Höhnisch?
Und dann … das kurze Zucken.
Runter.
Einmal.
Ein kurzes Geräusch.
Diverse Synapsen mussten wohl aus der Abteilung "Verstand" abgehauen sein. Anders ist das nicht erklärbar.
Der Bildschirm gehorchte derweil und zeigte mir das Objekt meiner Begierde: Ein Kochmesser.
Ein Kochmesser?
Nein.
DAS KOCHMESSER!
Das EXKLUSIV C150 Kochmesser 180
5000,- Euro.
Lieferzeit: 20 - 24 Wochen

Kennen Sie das Gefühl, wenn der eigene Puls hörbar in den Ohren pocht?
Ich sehnte mich spontan nach dem 980-Euro-Messer aus dem Fachgeschäft zurück.
Fazit
Irgendwo zwischen Hamaguri-Schliff, San-Mai-Laminierung, Kurouchi-Finish und Wa-Griff fiel mein Blick auf die Flasche Klosterfrau Melissengeist hinten im Regal.
Zum ersten Mal an diesem Tag schien mir dort ein sinnvoller Lösungsansatz zu sein.
Harald wollte danach vergleichen.
Ich habe ihn nicht aufgehalten.
Manche Erfahrungen muss jeder selbst machen.
Falls Sie ebenfalls in Versuchung geraten sind, dann informieren Sie sich gerne gründlich.
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Rational fragwürdig. Emotional schwierig.
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