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SDM-003
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Clean Eating
Ich dachte zunächst, “Clean Eating” bedeute einfach, dass man beim Essen nicht alles auf das Hemd tropfen lässt. Nun … das war offenbar naiv.

Fazit
Ernährung scheint inzwischen nicht mehr nur eine Frage von Kalorien zu sein, sondern eher ein komplexes System aus Religion, Reinheit, Entgiftung und moralischer Selbstverortung. Lebensmittel sind plötzlich nicht mehr nur Lebensmittel. Sie sind gut, schlecht, rein, toxisch, aktiviert, entzündungsfördernd und vermutlich kurz davor, ein eigenes Parteiprogramm zu veröffentlichen.
Eigentlich käme das ja erst zum Schluss. Ein Fazit kommt schließlich immer am Schluss. Weiß ich.
Naja, hier ist jetzt mal anders. Genau, wie bei der nun folgend beschriebenen Spezies.
Aber, der Reihe nach. Schauen wir uns diese Spezies einmal an.
Die Doku
Ich habe neulich eine Dokumentation über sogenanntes „Clean Eating“ gesehen.
Also … schiebt man den ersten sich aufdrängenden Gedanken mal beiseite - nämlich, dass man den Tisch nach Verputzen eines Tellers Spaghetti Bolognese wieder mit sauberem Hemd verlässt - könnte es auch darum gehen, sich halbwegs vernünftig zu ernähren.
Na gut, etwas weniger Fastfood, mehr selber kochen, Gemüse, Wasser … solche Dinge. Dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden. Nur, der moderne Clean-Eating-Bereich hat sich inzwischen leicht weiterentwickelt.
Und mit „leicht“ meine ich:
Menschen stehen morgens freiwillig auf, trinken chlorophyllhaltiges Selleriesaft-Konzentrat und sprechen anschließend darüber, wie „toxisch“ Hafermilch geworden sei.
Jedenfalls merkte ich relativ schnell:
Es geht längst nicht mehr nur um Ernährung, es geht um Reinheit. Und das ist immer der Moment, in dem Menschen gerne mal merkwürdig werden.
Die Moral
Denn plötzlich reicht es nicht mehr, einfach etwas Gesundes zu essen. Nein, Lebensmittel bekommen inzwischen einen moralischen Charakter. Denn es gibt:
· gute Nahrung,
· schlechte Nahrung,
· „entzündungsfördernde“ Nahrung,
· „cleane“ Nahrung,
· „toxische“ Nahrung,
und vermutlich bald auch Lebensmittel mit problematischer Energie.
Eine Banane ist inzwischen kein Obst mehr. Sie ist ein Statement!
Allerdings:
Zu jeder Banane existieren inzwischen mindestens drei Experten.
Einer hält sie für unverzichtbar.
Einer für Zucker.
Einer für entzündungsfördernd.
Und irgendwo sitzt noch jemand, der sie grundsätzlich nur bei abnehmendem Mond empfiehlt.
Es gibt plötzlich zu jedem Lebensmittel immer mindestens einen, der davor warnt.
Besonders interessant dabei ist die Sprache. Normale Menschen sagen: „Ich esse heute einen Joghurt.“
Clean-Eating-Menschen sagen: „Mein Körper verlangt aktuell nach natürlichen Fermenten.“
Wirklich.
Normale Menschen kaufen einfach einen Joghurt. Nicht so Clean - Eating - Menschen.
Diese kaufen einen Joghurt auf Basis fermentierter Kokosnusskulturen, deren Ursprungsgeschichte länger ist als die vieler Dynastien.
Früher: “Ich habe eine Pizza gegessen.”
Heute: “Ich habe meinen Körper heute leider etwas belastet.”
Lebensmittel haben auf einmal eine moralische Dimension.
Der Hunger normaler Menschen hat sich bei Clean Eatern zu Bedürfnissen gewandelt - was ja für sie auch praktisch ist. Deren Körper verlangt plötzlich nach Magnesium, Darmkulturen oder sekundären Pflanzenstoffen. Komischerweise verlangt er nie nach Spaghetti Bolognese. Dabei hätte ich da durchaus Verständnis.
Das Frühstück
Überhaupt scheint Clean Eating irgendwann den Punkt verlassen zu haben, an dem Ernährung noch etwas mit Alltag zu tun hatte. Plötzlich besteht ein “optimales” Frühstück aus:
· Chia,
· Matcha,
· Ashwagandha,
· Aktivkohle,
· Hanfsamen,
· fermentierten Dingen,
oder Pulver, das aussieht wie ein biologischer Zwischenfall in einer Kläranlage.
Und alles davon kostet ungefähr das Dreifache normaler Lebensmittel, weil jemand ein Blatt Minze daneben fotografiert hat.
Wichtig dabei sind folgende Fragen:
Ist es:
· Bio?
· Regional?
· Glutenfrei?
· Histaminfrei?
· Zuckerfrei?
· Laktosefrei?
· Vegan?
· Roh?
· Aktiviert?
Früher aß man etwas Gesundes.
Heute isst man etwas Optimales.
Das Problem ist nur: “Optimal” ist ein bewegliches Ziel.
Kaum hat man nämlich trendbewusst Chiasamen gekauft, gelten plötzlich fermentierte Chiasamen als interessanter. Aua.
Dann kommen Aktivkohle, Ashwagandha, Chlorophyll dazu … und irgendein Pulver, dessen Name klingt wie ein osteuropäischer Handballverein.
Ernährung scheint inzwischen das einzige Hobby zu sein, bei dem ständig neue Grundregeln erscheinen. Man wird nie fertig. Genau das scheint inzwischen auch das Geschäftsmodell zu sein. Na klar, die Industrie ist ja nicht dumm.
Herrlich auch das “Frühstücksritual”. Der eigentliche Verzehr dauert etwa 30 Sekunden.
Die Vorbereitung:
· Pulver abwiegen
· Samen einweichen
· Bowl dekorieren
· fotografieren
· posten
· Kommentare beantworten
Besonders schön wird es, wenn Menschen anfangen, Zutatenlisten zu lesen, wie mittelalterliche Priester verbotene Schriften: „Da ist Maltodextrin drin.“ Dann wird kurz geschwiegen, als hätte jemand erklärt, die Lasagne enthalte geringe Mengen Uran.
Die Zutatenliste
Die Menschen früher wollten eigentlich nur satt werden. Heute braucht ein Müsliriegel plötzlich:
· Protein,
· Adaptogene,
· Superfoods,
· Darmkultur,
· antioxidative Komponenten,
· und ein eigenes Selbstverständnis.
Im Grunde wirkt vieles davon wie Religion für Smartphone-Menschen mit WLAN und Airfryer.
Es gibt: Regeln, Verbote, Reinigung und - na klar - Schuldgefühle. Und natürlich Menschen, die sich moralisch überlegen fühlen, weil sie Haferflocken inzwischen nur noch „aktiviert“ konsumieren.
Hafer muss also offenbar aktiviert werden.
Aha, habe ich nicht gewusst.
HAFER.
Früher galt Nahrung dann als gelungen, wenn sie:
· schmeckte,
· satt machte,
· und nicht unmittelbar zum Tod führte.
Heute:
“... und, wie schmeckts …?”
“Keine Ahnung.”
"Ist es aktiviert?”
“Selbstverständlich.”
Geschmack?
Was für Boomer.
Der Supermarkt
Im Supermarkt wird die einsortierende Mitarbeiterin nicht mehr gefragt:
“Guten Tag, wo ist der Pudding?”
Nein, das läuft eher so:
“Ich hätte gerne glutenfreie, zuckerfreie, laktosefreie, histaminfreie Sachen, die außerdem frei von künstlichen Zusätzen sein müssen.”
“Wo sind die alle, bitte?”
Das sind die entscheidenden Fragen, die hier an Ort und Stelle zu klären sind. Notfalls durch den Filialleiter.
Irgendwann steht Harald vermutlich mit einer Gurke im Laden und fragt sich, ob man die überhaupt noch essen darf oder ob sie emotional zu belastet ist.
Das Dauerprojekt
Das eigentlich Faszinierende daran ist aber etwas anderes. Diese Menschen wirken dabei selten glücklicher. Sie wirken eher leicht erschöpft. Ständig wird:
· optimiert,
· verzichtet,
· ersetzt,
· entgiftet,
· analysiert,
· oder „bewusster konsumiert“.
Bei Menschen, die Essen in einem Tempo verschlingen, als ginge es um olympisches Gold, ist es dann wohl mehr eine Herausforderung.
Essen war früher einfach eine angenehme Tätigkeit. Der Körper war etwas, das man hatte.
Heute ist er ein Dauerprojekt.
Es gibt immer etwas zu verbessern, immer noch etwas zu entgiften, immer noch etwas zu optimieren und immer noch irgendeinen Mangel, von dem man bis gestern gar nicht wusste.
Heute führen manche Menschen Ernährung wie ein riskantes Chemieprojekt.
Und natürlich darf man niemals einfach sagen: „Ich möchte ein bisschen abnehmen.“
Nein.
Heute beginnt dann gerne mal ein: „ganzheitlicher Reset des Stoffwechsels.“
Harald trank einmal in einem Clean-Eating-Café einen Smoothie, der angeblich „erdend“ wirken sollte.
Er sagt, das schmeckte wie ein frisch gemähter Kreisverkehr.
Inzwischen isst er wieder Brot, ganz normales Brot und wirkt deutlich entspannter.
Vielleicht besteht das eigentliche Problem gar nicht darin, dass Menschen sich gesund ernähren möchten. Das ist schließlich nichts Schlechtes. Problematisch wird es erst, wenn jede Mahlzeit zu einer moralischen Prüfung wird.

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